Zapatistische Planetenreise

V. Der Blick und die Distanz zur Tür

Oktober 2020.

Nehmen wir mal an, es ist beispielsweise möglich, den Blick zu wählen. Nehmen wir einmal an, Sie  könnten sich, und wenn es nur für einen Moment ist, von der Tyrannei der Sozialen Netzwerke freimachen – die nicht nur bestimmen, was gesehen wird und von was gesprochen wird, sondern auch auf welche Weise gesehen und gesprochen wird. Nehmen wir somit an, Sie würden Ihren Blick heben. Weiter nach oben: vom Nächstgelegenen zum Lokalen, Regionalen bis hin zum Landes- und Weltweiten. Sehen Sie es? Ja, sicherlich: ein Chaos, ein Wirrwarr, ein Durcheinander.

Somit nehmen wir an, Sie sind ein menschliches Wesen. Wow! Sie sind keine digitale App, die rasch sieht, klassifiziert, hierarchisiert, urteilt und sanktioniert. Sie wählen somit aus, was zu betrachten … und wie zu betrachten ist. Es könnte sein – das ist eine Annahme – betrachten und urteilen, bedeuteten nicht dasselbe. Und somit würden Sie nicht nur wählen, sondern auch entscheiden, die Frage:  »Das da, ist das gut oder schlecht?« zu ändern in: »Das da, was ist das?« Na klar, die erste Frage führt zu einer gesalzenen Debatte (Gibt es heutzutage noch Debatten?), zu: »Das ist gut – oder: Das ist schlecht – weil ich das sage.« Oder vielleicht entsteht eine Diskussion über: Was ist das Gute und das Böse? und führt zu Argumentationen und zu Zitaten mit Fußnote. Sicherlich, Sie haben recht, das ist besser als auf »likes« und »Däumchen hoch« zu verfallen. Ich habe Ihnen jedoch vorgeschlagen, den Ausgangspunkt zu ändern: das Ziel Ihres Blicks zu wählen.

Zum Beispiel: Sie entscheiden, Ihren Blick auf Moslems zu richten. Sie können beispielsweise wählen zwischen denjenigen, die das Attentat gegen Charlie Hebdo begingen oder denjenigen, die gerade auf den Wegen Frankreichs unterwegs sind, um ihre Rechte zu einzufordern, zu fordern und durchzusetzen. Gesetzt der Fall, Sie sind bis zu diesen Zeilen des Textes gekommen, ist es es wahrscheinlich, dass Sie sich für die »Sans Papiers« entscheiden. Na klar fühlen Sie sich verpflichtet, zu erklären, Macron sei ein Schwachkopf. Nach diesem flüchtigen Blick nach oben, kommen Sie darauf zurück, die Platzbesetzungen, Camps und Protestmärsche der Migrant*innen zu sehen. Sie fragen sich, wie viele es sind. Es scheinen Ihnen, viele zu sein, oder wenige oder viel zu viele oder genügend zu sein. Sie sind von der religiösen Identität zu ihrer Anzahl gelangt. Somit fragen Sie sich: Was wollen sie, warum kämpfen sie?  Und hier entscheiden Sie, ob sie die Medien und Sozialen Netzwerke zu Rate ziehen, um es zu erfahren … oder ob sie ihnen zuhören. Ich nehme an, Sie könnten sie fragen.

Fragen Sie sie nach ihrem religiösen Glauben, nach ihrer Anzahl? Oder fragen Sie sie, warum sie ihr Land verlassen und entschieden haben, zu Erden und Himmeln zu gelangen, die eine andere Sprache, Kultur, Modi und Gesetze haben? Vielleicht antworten sie ihnen mit einem einzigen Wort: Krieg. Vielleicht führen sie detaillierter aus, was dieser Krieg in ihrer Realität bedeutet. Sie entscheiden sich zu untersuchen: Krieg wo? Oder am besten: Wozu dieser Krieg?

Daraufhin werden Sie mit Erklärungen überschüttet: Glaubenszugehörigkeiten, Gebietsdispute, Ressourcenplünderung, oder schlicht und ergreifend: Dummheit. Sie geben sich damit jedoch nicht zufrieden und fragen, wer von dieser Zerstörung, Entvölkerung, Wiederaufbau und Neuansiedlung seinen Segen hat. Sie finden die Daten verschiedenster Korporationen. Sie untersuchen diese und entdecken, dass diese Unternehmen sich in verschiedenen Ländern befinden und nicht nur Waffen, sondern auch Autos, interstellare Raketen, Mikrowellen-Herde  herstellen und Paketdienste, Banken, Sozialnetzwerke, »mediale Inhalte«, Kleidung, Handies und Computer, Schuhe, Bio- und Nicht-Bio-Lebensmittel, Reedereien, Online-Lieferdienste, Züge, Regierungschefs und -kabinette, Wissenschafts- und Nicht-Wissenschaftszentren, Hotel- und Restaurant-Ketten,  »fast food«, Fluglinien, Heizkraftwerke, ja klar, und Stiftungen für »humanitäre« Hilfe umfassen. Sie könnten nun sagen, die Verantwortung trage die Menschheit, die gesamte Welt.

Sie fragen sich jedoch auch, ob die Welt, die Menschheit nicht auch verantwortlich sei für den Protestmarsch, die Platzbesetzung, das Camp der Migrant*innen, für diesen Widerstand. Und Sie schließen daraus: Ja, es könnte sein – wahrscheinlich, vielleicht – ein Gesamt-System trage die Verantwortung. Ein System, das den Schmerz, den es auferlegt und erleiden lässt, produziert und reproduziert.

Sie richten nun Ihren Blick auf den Marsch, der die Wege Frankreichs durchläuft. Angenommen es sind wenige, sehr wenige, nur eine einzige Frau, die ihr Kleines trägt. Spielt für Sie deren Religion, Sprache, Kleidung, Kultur, Modus eine Rolle? Spielt es für Sie eine Rolle, dass es nur eine einzige Frau ist, die ihr kleines Kind in den Armen trägt? Nun vergessen Sie für einen Augenblick die Frau und fokussieren sie ihren Blick lediglich auf das Kind. Ist es wichtig, ob es ein Junge oder ein Mädchen oder einE AnderEr ist? Die Hautfarbe? Vielleicht entdecken Sie jetzt: Das, was wichtig ist, ist das Leben des Kindes.

Nun, gehen Sie weiter. Nachdem Sie bis zu dieser Textstelle gekommen sind, werden Sie wohl weitere Zeilen nicht beschädigen. Nun gut, kein großer Schaden wird angerichtet.

Angenommen diese Frau spricht zu Ihnen, und sie haben das Privileg zu verstehen, was sie sagt. Glauben Sie, sie fordert von Ihnen, dass Sie sie für Ihre Hautfarbe, Ihre Gläubigkeit oder Nicht-Gläubigkeit, für Ihre Nationalität, Ihre Vorfahren, Ihre Sprache, Ihr Geschlecht und Ihren Modus  um Vergebung bitten? Sie selbst beeilen sich, um Vergebung zu bitten, der_die zu sein, der_die Sie sind? Sie hoffen, dass die Frau Ihnen vergeben wird, und Sie kehren dann zu Ihrem Leben zurück – mit diesem Guthaben-Konto? Oder, dass sie Ihnen nicht vergibt, und Sie sagen daraufhin zu sich selbst: »Nun gut, wenigstens habe ich es versucht; und ich bereue aufrichtig, der_die zu sein, der_die ich bin«?

Oder befürchten Sie, dass die Frau nicht zu Ihnen spricht, und Sie lediglich schweigend ansieht, und Sie fühlen, ihr Blick fragt sie: »Und du, was …?«

Wenn Sie bis zu diesem Gedankengang-Gefühl-Beklemmung-Betrübnis-Verzweiflung gekommen sind – nun dann, ich bedauere es sehr, dann hilft Ihnen kein Mittel, denn: Sie sind ein menschliches Wesen.

-*-

Damit ist geklärt, dass Sie kein Bot sind. Wiederholen Sie nun die obige Übung auf der Insel Lesbos; in Gibraltar; am Ärmelkanal; in Neapel; am Río Suchiate (1); am Río Bravo (2).

Bewegen Sie Ihre Augen jetzt und suchen Palästina, Kurdistan, Euskadi (3) und Wallmapu (4). Ja, ich weiß, das macht ein wenig schwindelig … und das ist nicht alles. An diesen Orten jedoch gibt es welche (viele oder wenige oder zu viele oder genügend), die auch für das Leben kämpfen. Und wie sich herausstellt, begreifen sie Leben als untrennbar verbunden mit ihrer Tierra (5), ihren Sprachen, Kulturen und Modi. Das was der Congreso Nacional Indígena uns lehrte, »Territorium-Gebiet-Land« zu nennen, und was nicht lediglich ein Stück Land bedeutet.

Fühlen Sie sich nicht dazu versucht, dass diese Personen Ihnen ihre Geschichte, ihren Kampf und ihre Träume erzählen? Ja, ich weiß, vielleicht wäre es für Sie besser, wenn sie auf Wikipedia zurückgreifen würden. Jedoch: Reizt es Sie nicht, es direkt zu hören und somit zu versuchen, es zu verstehen?

Kehren Sie nun zurück zu dem Land, das zwischen den Flüssen Río Bravo und Río Suchiate liegt.

Nähern Sie sich einer Gegend, die sich »Morelos« nennt. Noch näher mit ihrem Blick hin zum Landkreis Temoac. Fokussieren Sie Ihren Blick auf die Gemeinde Amilcingo. Sehen Sie dieses Haus? Es ist das Haus eines Mannes, der lebend den Namen Samir Flores Soberanes trug. Vor dieser Haustür wurde er ermordet. Sein Delikt? Sich gegen ein Mega-Projekt zu stellen, das für das Leben der Gemeinden, denen er angehörte, den Tod repräsentiert. Nein, ich habe mich nicht im Wortlaut geirrt: Samir wurde ermordet, nicht weil er sein eigenes Leben verteidigte, sondern das seiner Comunidades. Mehr noch: Samir wurde ermordet, weil er das Leben von Generationen, die noch nicht einmal angedacht wurden, verteidigt hat. Denn für Samir, für unsere Compañeras und Compañeros, für die Pueblos originarios (6), die sich im Congreso Nacional Indígena (CNI) gruppieren und für uns – zapatistische Frauen, Männer und AnderE – ist das Leben der Comunidad (7) nicht etwas, was nur in der Gegenwart abläuft. Es ist vor allem das, was kommen wird. Das Leben in der Comunidad ist etwas, was heute geschaffen wird – für ein Morgen. Nun, das Leben in einer Comunidad ist etwas, was weiter gegeben wird.

Glauben Sie etwa, das Konto wird getilgt, wenn die geistigen wie auch tatsächlichen Mörder um Vergebung bitten? Glauben Sie Samirs Familie, seine Organisation, der CNI und wir (Zapatist*innen) werden uns damit zufrieden geben, dass die Verbrecher lediglich um Vergebung bitten? »Verzeiht mir, ich habe auf ihn gezeigt, ihn markiert, damit die Auftragsmörder sich daran machten, ihn zu exekutieren. Aber ich war ja immer schon ein Scherzkeks mit loser Zunge. Ich werde zusehen, mich zu ändern, oder auch nicht. Ich habe ja bereits um Vergebung gebeten, also räumt jetzt Eure Platzbesetzung ab, und wir werden das Wärmekraftwerk dann zu Ende bauen – denn falls nicht, dann geht uns viel Geld verloren.« (8) Sie meinen, so etwaiges erhoffen sie, erhoffen wir, darum kämpfen sie, kämpfen wir? Damit jene um Vergebung bitten? Damit jene erklären: »Entschuldigen Sie. Ja, wir haben Samir umgebracht. Ja, und so nebenbei haben wir mit diesem Projekt seine Comunidades erledigt. Nun ja, vergebt uns. Und falls Ihr uns nicht vergebt, ist uns das auch egal: das Projekt muss zu Ende geführt werden.«?

Und wie sich herausstellt, sind diejenigen, die da um Vergebung bitten würden, die Gleichen des schlecht benannten »Zug Maya«; die Gleichen des »Trans-Isthmus Korridors«, der Staudämme und  des Tageabbaus, der Stromerzeugungsanlagen; die Gleichen die Grenzen sperren gegen eine Migration, die durch Kriege erzeugt wird, die von ihnen genährt sind. Die Gleichen, die Mapuche verfolgen und Kurd*innen massakrieren, die Palästina zerstören, auf Afroamerikaner*innen schießen; die Gleichen, die Arbeiter*innen ausbeuten, direkt oder indirekt, in jedem Winkel der Erde; die sexistische Gewalt kultivieren und lobpreisen; die Kinder prostituieren. Die Gleichen, die Sie ausspionieren, um zu wissen, was Ihnen gefällt, um es Ihnen dann zu verkaufen – und falls Ihnen gar nichts gefällt, es erzeugen, dass Ihnen etwas gefällt. Es sind die Gleichen, die die Natur zerstören.

Ja, es sind die Gleichen, die Sie, all die Anderen und uns Zapatist*innen glauben machen wollen, die Verantwortung für das weltweite Verbrechen, das in Gange ist, läge in Nationen, religiösen Glaubenszugehörigkeiten, im Widerstand gegen den Fortschritt, in Konservativen, in Sprachen, Geschichten und Art und Weisen; und das alles sich synthetisiert, zusammenfasst in einem Individuo, einer Individua (um nicht nicht die Geschlechter-Parität zu vergessen).

Wenn Sie in jeden Winkel dieses sterbenden Planeten gehen könnten, was würden Sie tun? Nun gut, wir wissen es nicht. Jedoch wir – zapatische Frauen, Männer, AnderE – würden gehen, um zu lernen. Ja klar, auch um zu tanzen; aber ich glaube, eine Sache schließt nicht die andere aus.

Wenn es diese Gelegenheit, diese Möglichkeit gäbe, wären wir bereit, alles zu riskieren. Alles. Nicht nur unser individuelles Leben, sondern auch unser kollektives Leben. Und falls diese Möglichkeit nicht bestünde, würden wir dafür kämpfen: Das zu konstruieren – als ob es sich um ein Schiff handelt. Ja, ich weiß, es ist eine Verrücktheit. Etwas Undenkbares.

Wem könnte es einfallen, dass diejenigen, die sich im Widerstand gegen ein Wärmekraftwerk im letzten Winkel Mexikos befinden – an Palästina, den Mapuche, Basken, Migranten, Afroamerikanern, an einer jungen schwedischen Umweltaktivistin, der kurdischen Kriegerin, der Frau, die woanders auf der Welt kämpft, an Japan, China, den beiden Koreas, an Ozeanien, an Afrika – als Reiseziel interessiert sein könnten?

Sollten wir nicht umgekehrt beispielsweise nach Chablekal, in Yucatán gehen, in die Räume des Equipo Indignación und von ihnen fordern: »Hey Ihr! Ihr habt weiße Haut und seid gläubig. Bittet um Vergebung!«? Ich bin nahezu überzeugt, sie würden antworten: »Kein Problem, jedoch warten Sie, denn im Moment sind wir beschäftigt, diejenigen zu begleiten, die gegen den Tren Maya Widerstand leisten, die beraubt werden, Verfolgung, Knast und Tod erleiden.«

Und sie würden hinzufügen: »Außerdem müssen wir noch mit der Anschuldigung des Präsidenten umgehen, wir seien durch die Illuminati (10) finanziert, als Teil eines interplanetarischen Komplotts, um die 4T zu stoppen (11).« Dessen bin ich mir sicher, sie würden das Verb: »begleiten« verwenden, und nicht: »leiten«, »befehlen«, »führen«.

Oder sollten wir besser in die verschiedenen Europas einfallen – und unter dem Ruf: »Ergebt Euch, Bleich-Gesichter!« – den Parthenon, den Louvre und den Prado zerstören; und statt der (ausgestellten) Skulpturen und Gemälde, diese mit zapatistischem Stick-Werk anfüllen – insbesondere den zapatistischen Mund-Nasen-Schutz, der – nebenbei gesagt – sehr effektiv und hübsch ist? Ja, und statt Pasta, Meeresfrüchte und Paella den Konsum von jungen Maiskolben, Cacaté-Nüssen und Yerba Mora (12) erzwingen?  Anstatt Softdrinks, Wein und Bier wird der Pozol zum obligatorischen Getränk? Ja, und wer ohne Pasamontañas, ohne Skimaske, auf die Straße geht, erhält eine Geldstrafe oder geht in den Knast (ja, das ist optional, man muss es ja nicht übertreiben)? Dabei wird ausgerufen: »Na, mal sehen, für diese Rocker gibt es jetzt nur noch Marimba-Musik (13)! Ab jetzt Cumbia-Musik und nix mehr mit Reggaeton (das stellt Sie auf die Probe, nicht wahr?)! Ah, und du, Panchito Varona und du, Sabinas, Ihr macht mal Dampf mit dem Lied »Gezinkte Karten« (14), und zwar in Endlos-Schleife – und die Anderen ab in den Chor! Auch wenn es 10, 11, 12, 1, 2 , 3 Uhr … schlägt (15), es muss bis zum Morgengrauen durchgemacht werden! Und du, du anderes du, hörst du, du Ex-König-mit den Füßen-im-Sand: Lass‘ die Elefanten in Ruh‘, und mach‘ dich ans Kochen. Kürbis-Suppe für den gesamten Königshof!« (Ja ich weiß, meine Grausamkeit ist außerordentlich.) [Sollten wir all das tun?]

Jetzt sagen Sie mal: Glauben Sie, der Alptraum derer von Oben bestünde darin, dass sie gezwungen werden, um Vergebung zu bitten? Besteht deren Traum von schrecklichen Dingen nicht darin, zu verschwinden, unwichtig und unbeachtet zu sein, nichts zu sein, dass ihre Welt zusammenstürzt, ohne irgendeinen Lärm zu verursachen, keiner sich ihrer erinnert, ihnen Statuen und Museen errichtet, Lobgesänge und Gedenktage abhält? Wird es nicht so sein, dass diese mögliche Realität ihnen Panik verursacht?

-*-

Es war eines der wenigen Male, dass der verstorbene SupMarcos nicht auf einen cinephilen Vergleich zurückgriff, um etwas zu erklären. Sie können es nicht wissen, und ich kann es nicht erzählen, aber der Sup konnte sich bei den jeder Etappe seines kurzen Lebens auf einen jeweiligen  Film beziehen. Oder er konnte eine Erklärung über die nationale oder internationale Situation mit der Anmerkung: »wie in diesem oder jenem Film« begleiten. Na klar, mehr als einmal musste er das Drehbuch neu schreiben, damit es sich nach dem Erzählten ausrichtet. Da die Mehrheit von uns den bezüglichen Film nicht gesehen hatte – damals hatten wir keine Handy-Verbindungen, um Wikipedia zu befragen – nun, so glaubten wir ihm. Doch lassen wir uns vom Thema nicht ablenken. Warten Sie, ich glaube, er hat in irgendeinem seiner Papiere, die seinen Koffer der Erinnerungen anfüllen, etwas geschrieben … Hier ist es! Dann mal los:

»Um unser Vorhaben und die Größe unserer Verwegenheit zu verstehen, stellen Sie sich vor, dass der Tod eine Türschwelle darstellt, die zu überschreiten ist. Es wird viele unterschiedliche Spekulationen geben, was sich hinter dieser Tür befindet: der Himmel, die Hölle, die Vorhölle, das Nichts. Und bezüglich dieser Optionen wird es dutzende von Beschreibungen geben. Das Leben könnte somit als ein Weg betrachtet werden – hin zu dieser Tür. Die Tür, nun, der Tod, würde derart zu einem Ort des Ankommens … oder zu einer Unterbrechung, zu dem nicht endenden Einschnitt einer Abwesenheit, die die Luft des Lebens verletzt. An diese Türe käme man dann durch die Gewalt der Folter und des Mords, durch das Unglück eines Unfalls, dem schmerzvollen Halbsterben während einer Krankheit, durch Erschöpfung und Verlangen. Das bedeutet: Obzwar meistens ohne es zu wünschen und ohne es zu beabsichtigen, diese Tür erreicht wird, ist es möglich, das dies gewählt wurde.

In den Pueblos originarios – heute: Pueblos zapatistas – war der Tod mit Beginn des Lebens eine Tür, die sich auftat. Die Kinder stießen an sie, bevor sie fünf Jahre alt wurden, und sie überschritten die Türschwelle unter Fieber und Durchfallerkrankungen. Was wir am 1. Januar 1994 taten, war, diese Tür weiter wegzuschieben. Klar, man musste bereit sein, die Schwelle zu überqueren, um das erreichen zu können – obwohl wir es uns nicht wünschten. Seitdem war und ist unser ganzes Streben, die Tür so weit wie möglich wegzuschieben. »Die Lebensdauer verlängern«, würden es die Spezialisten nennen. Jedoch eines würdigen Lebens, würden wir hinzufügen. Es erreichen, sie weiter wegzuschieben bis zu irgendeiner Stelle – sehr weit hinten auf dem Weg. Darum sagten wir am Anfang des Aufstands: »Um zu leben, sterben wir.« Denn wenn wir nicht Leben weitergeben – das heißt: einen Weg – für was leben wir dann?«

-*-

Leben weitergeben.

Genau das war, worum sich Samir Flores Soberanes sorgte. Und dies könnte den Kampf der Frente de Pueblos en Defensa del Agua y de la Tierra de Morelos, Puebla y Tlaxcala zusammenfassen: ihren Widerstand gegen die Wärmekraftanlagen und gegen das so genannte Proyecto Integral de Morelos (16). Auf ihre Forderungen, dieses Projekt des Todes zu stoppen und aufzugeben, antwortete die schlechte Regierung mit dem Argument: Dann würde ja viel Geld verloren gehen.

Dort in Morelos zeigt sich die Synthese der gegenwärtigen weltweiten Konfrontation: Geld versus Leben. In dieser Konfrontierung, diesem Krieg, kann kein ehrenwerter Mensch neutral sein: Mit dem Geld – oder mit dem Leben.

Somit könnten wir folgern: Der Kampf für das Leben ist keine Obsession innerhalb der Pueblos originarios. Er ist vielmehr … eine Berufung … und zwar eine kollektive.

Nun gut.

Salud! – Und dass wir nicht vergessen: Verzeihung und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe.

Aus den Bergen der Alpen – noch zweifelnd, wo als erstes einzufallen ist: Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Slowenien, Monaco, Liechtenstein? Na nö, das ist ein Scherz. Oder?

Der SupGaleano – seinen »Brechreiz« aufs Eleganteste ausführend.

Mexiko, Oktober 2020.

 

Aus dem Notizheft des Gato-Perro (18):

Ein Berg auf hoher See – Teil I: Das Floß

»Und auf den Meeren aller Welten, die diese Welt bilden,

waren Berge zu sehen, die sich auf dem Wasser bewegten:

auf ihnen Frauen, Männer, AnderE, die ihr Gesicht bedeckten.«

Chronika für ein Morgen, Don Durito de La Lacandona. 1990.

Nach dem dritten fehlgeschlagenen Versuch verblieb Maxo nachdenklich. Nach ein paar Sekunden rief er jedoch aus: »Es braucht Seil.« »Ich habe es dir ja gesagt«, gab Gabino zurück. Die Reste des Floß schwammen verstreut herum und stießen aneinander, je nach der Strömung des Flusses. Dieser machte seinem Namen Río Colorado/ Roter Fluss volle Ehre, wurden seine Wasser doch getönt durch die rote Tonerde seiner Ufer.

Sie riefen nun eine Schwadron von Milizionären der Kavallerie herbei, die ankam im Rhythmus des Lieds »Cumbia über dem Río Suena« von Celso Piña. Die Seile wurden verbunden und bildeten zwei lange Stricke. Eine Gruppe wurde auf die andere Flussseite geschickt. Ihre jeweiligen Seilstricke am Floss vertäut, konnten die Gruppen auf beiden Seiten die Überfahrt des Floßes kontrollieren, ohne dass es auseinanderbrach. Sie zogen diesen Verbund aus Baumstämmen über einen Fluss, der von diesem Navigationsversuch noch nicht einmal wusste.

Dieser laufende Irrsinn kam auf, nachdem sich zur Invasion … oh, pardon … zum Besuch der fünf Kontinente entschieden wurde. Und nun, es hilft alles nichts. Denn als abgestimmt wurde, und der SupGaleano am Ende meinte: »Ihr seid verrückt. Wir haben ja kein Schiff.«, hatte ihm Maxo geantwortet: »Nun, dann machen wir eines.« Schnell wurde damit begonnen, Vorschläge zu machen.

Wie alles Absurde auf zapatistischem Gebiet rief die Konstruktion des »Schiffs« die Bande von Defensa Zapatista (19) herbei.

»Die Compañeras werden elendiglich sterben«, urteilte Esperanza (20) mit ihrem legendären Optimismus. (In irgendeinem Buch hatte das Mädchen diesen Ausdruck gefunden, und verstanden, er wird für Schreckliches und Unabwendbares verwendet. Sie gebrauchte ihn mit Freuden, in der Art von: »Meine Mamas haben mich elendiglich gekämmt.« Oder: »Die Lehrerin machte mir elendigliche Anstreichungen.«) Währenddessen war das Floß beim vierten Versuch fast unmittelbar auseinandergebrochen.

»Und auch die Compañeros«, fühlte sich Pedrito gezwungen, hinzuzufügen – daran zweifelnd, ob die Geschlechtersolidarität angebracht sei bei diesem … elendiglichen Vorhaben.

»Nö,« gab zur Defensa Zapatista zur Antwort, »Compañeros kannst du ja irgendwie ersetzen, aber Compañeras … Wo wirst du sie finden? Compañera, eine wirkliche Compañera, nicht irgendeine.«

Defensas Bande hatte sich strategisch aufgestellt. Nicht um die Wechselfälle der Komitees im Schiffsbau zu betrachten. Defensa und Esperanza hielten Calamidad (21) an den Händen, die bereits zweimal versucht hatte, sich in den Fluss zu stürzen, um das Floß zu retten. In beiden Fällen wurde sie von Pedrito, Pablito und dem geliebten Amado (22) überwältigt. Das einäugige Pferd und der Gato-Perro wurden von dieser Aktion überrollt, sie sorgten sich unnötigerweise. Als der SupGaleano, diese Horde ankommen sah, ordnete er drei Truppen Milizionärinnen an für die Sicherung des Ufers. Mit seiner gewohnt diplomatischen Art und immerzu lächelnd, sprach der Sup: »Falls dieses Mädchen bis ans Wasser gelangt, werdet Ihr alle sterben.«

Nach dem erfolgreichen sechsten Versuch, erprobten die Komitees, das Floß mit – wie es nannten – »essentiellen Dingen« für die Reise zu beladen (eine Art von zapatistischen Survival Kit): ein Sack Tostados, gerösteter Tortillas; Panela, Melasse-Zucker; ein Säckchen Kaffee; einige Pozol-Kugeln aus geriebener Mais-Masse; ein Kubikmeter Brennholz; ein Stück Nylon, starke Plastikfolie gegen den Regen. Sie betrachteten das Ganze und bemerkten, das etwas fehlte. Na klar, und sie verplemperten keine Zeit, um die Marimba heran zu schleppen.

Maxo ging dorthin, wo Monarca und der SupGaleano einige Entwürfe durchsahen, von denen ich Ihnen ein anderes Mal erzählen werde. Er meinte: »Hör mal Sup, ich will, dass du denen von der anderen Seite einen Brief schreibst: Sie sollen nach Seilen suchen, sie gut verknüpfen, damit das Tau schön lang ist, und es dann hier herüber werfen, sodass wir das »Schiff« von beiden Ufern aus bewegen werden. Es braucht jedoch, dass sie sich organisieren. Denn wenn alle jeweils ein Seil von ihrer Seite werfen, kommen sie zu nichts. Dass sie sich verknüpfen – nun denn, organisiert sind – das wird benötigt.«

Maxo wartete nicht darauf, dass die Verwirrung des Sups sich auflöste und er ihm erklären würde: Es gäbe eine große Differenz zwischen einem Floß aus Baumstämmen, festgemacht mit Lianen – und einem Schiff, das den Atlantik überquert.

Maxo machte sich daran, die Feuerprobe des Floßes mit dem gesamten Tross zu überwachen. Sie diskutierten, wer es besteige, um es so – mit Personen drauf – zu testen. Doch der Fluss war reißend, mit einem brausenden Getöse. So entschieden sie sich, eine Puppe herzustellen, um sie mitten auf dem Floß festzutauen. Maxo war so etwas wie der Bordingenieur, denn vor Jahren – als eine zapatistische Delegation sich aufgemacht hatte, das Camp der Cucapá zu unterstützen – hatte er sich ins Meer am Golf von Kalifornien geworfen. Maxo hatte niemals erklärt, dass er damals fast ertrunken wäre, weil die nasse Pasamontañas ihm Mund und Nase verklebt hatte, und er so nicht atmen konnte. Wie ein alter Seebär gab er nun von sich: »Es ist wie ein Fluss, nur ohne Strömung, und doppelt so breit und noch größer – so wie die Lagune von Miramar.«

Der Sup versuchte zu entziffern, wie Seil, Lazo in deutsch, italienisch, französisch, englisch, griechisch, baskisch, türkisch, schwedisch, katalanisch, finnisch etc. lautet.

Währenddessen näherte sich die Majorin Irma, um ihm zusagen: »Setz‘ noch hinzu: Sie sind nicht alleina!« Der Teniente Coronel Rolando fügte hinzu: »Nicht alleino!« Marijosé, die gerade ankam, um die Musiker zu bitten, eine Cumba-Version von »Schwanensee« (23) zu produzieren, steigerte das Ganze noch mit: »Sie sind nicht alleinoa!«

»Froh soll sie sein, die Cumbia-Version von Schwanensee, damit sie tanzen, und ihr Herz nicht traurig wird.« Die Musiker fragten daraufhin, was denn Schwäne seien. »Sie sind wie Enten, aber viel hübscher. So als streckten sie ihren Hals, und der bleibt dann so. Das heißt also: Sie sind wie Giraffen, watscheln  aber wie Enten.« »Werden sie auch gegessen?«, fragten die Musiker zurück, die wussten, die Stunde des Pozols war bereits gekommen (24). Sie waren nur anwesend, weil sie die Marimba herbeigebracht hatten. »Was denkst du dir! Schwäne tanzen doch.« Die Musiker meinten zu sich selbst, eine Lied-Version von »Hühnchen mit Kartoffeln« (25) könnte sehr dienlich sein: »Wir werden das studieren«, und machten sich auf zum Pozol.

Währenddessen hatten Defensa Zapatista und Esperanza Calamidad überzeugt: Der SupGaleano sei beschäftigt, somit seine Champa, seine Holzhütte leer, und höchstwahrscheinlich hätte er in der Tabak-Box ein Paket Kekse versteckt. Da Calamidad daran zweifelte, sagten sie ihr auch: Sehr wahrscheinlich könnten sie dort auch das Palomitas-Computerspiel spielen. Sie brachen somit auf. Der SupGaleano sah, sie sich entfernen, und sorgte sich nicht, denn es war unmöglich, dass Kekse-Versteck zu finden. Sie befanden sich nämlich unter Tüten von verschimmeltem Tabak begraben.

Sich an Monarca richtend und ihm einige Diagramme zeigend, fragte er ihn: »Und du bist sicher, dass es nicht absäuft? Denn man sieht, es wird ein ganz schönes Gewicht haben.«

Monarca überlegte und gab zur Antwort: »Auf der Stelle wird das passieren!« Daraufhin folgte aber im Ernst: »Sie führen Ballons, Luftpolster mit sich, und somit können sie schwimmen.«

Der Sup seufzte auf: »Mehr als ein Schiff benötigten wir etwas Besonnenheit.« »Ja, und mehr Seil«, fügte der SubMoy an, der gerade in dem Augenblick hinzukam, als das Floß vollbepackt unterging.

Während vom Ufer aus die Komitees die Überbleibsel des Schiffsbruchs betrachteten und die Marimba auf dem Rücken vorbei schwamm, meinte irgendjemand: »Zum Glück haben wir nicht die ganze Sound-Technik darauf geladen, das wäre teurer gewesen.«

Alle klatschten Beifall als die Lumpenpuppe entlang geschwommen kam. Jemand mit Voraussicht hatte ihr zuvor zwei Luft-Ballons unter den Armen befestigt.

Beglaubigt.
Miau-Wau.

 

Anmerkung der_die Übersetzer_in:

(1) Fluss, der die Südgrenze Mexikos zu Guatemala bildet
(2) Fluss, der die Nordgrenze Mexikos zu den USA bildet
(3) Baskenland (innerhalb der Staaten Spanien und Frankreich)
(4) Land der Mapuche (innerhalb der Staaten Chile und Argentinien)
(5) Land im Sinne von kulturellem, ökonomischem Gebiet des alltäglichen kommunitären Lebens
(6) Verbleibt im Original, da eine Selbstbezeichnung. Wörtlich übersetzt: originäre/ursprüngliche Gemeinschaften/Völker/Gemeinden
(7) Verbleibt im Original, da es mehre Bedeutungsinhalte vereint: das kommunitäre Leben innerhalb einer Gemeinde, einer Gemeinschaft
(8) Dem aktuellen mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador in den Mund gelegt.
(9) Im deutschen gibt es nur das Neutrum: Individuum.
(10) Illuminati: Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts; oder: mystische Bewegungen des Mittelalters
(11) 4T: Abkürzung für IV. Transformación: 4. Transformation = Regierungsprogramm von López Obrador und seiner MORENA-Partei
(12) Schwarze Nachtschatten: Heilpflanze mit Alkaloiden, wird auch – sparsam (da toxisch) – als Beigabe zu Gemüsen verwendet.
(13) Musik-Instrument: eine Art Riesen-Xylophon, mit 2-6 Spieler*innen
(14) Hier das Original von Pedro Infante: https://www.youtube.com/watch?v=teR99_X9nIY
(15) Anspielung auf ein Lied von Joaquin Sabina
(16) Gemeint ist der spanische Ex-König Juan Carlos, der zurücktreten musste, nachdem er sich bei einer Elefantenjagd die Hüfte gebrochen hatte.
(17) PIM: gigantischer Energie-Komplex; besteht aus Wärmekraftanlagen, Staudämmen, Gas-Viadukten; im mexikanischen Bundesstaat Morelos, in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet, in der Nähe eines Vulkans
(18) übersetzt: Katze-Hund
(19) übersetzt: Zapatistische Verteidigung
(20) übersetzt: Hoffnung
(21) übersetzt: Pechvogel
(22) Im Original: amado Amado, also: geliebter Geliebter
(23) Schwanensee: Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, mit »leicht« schwermütiger Musik
(24) Zwischenmahlzeit zwischen frühem Frühstück und späterem Mittagessen; ist ein Getränk aus Mais-Masse, aufgeschlagen mit Wasser und ein wenig Salz
(25) Cumbia-Lied; der Original-Titel lautet: Pollito con Papas. Yeah.

http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2020/10/12/funfter-teil-der-blick-und-die-distanz-zur-tur/

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